Mir ging es lange zeit nicht gut. Es war nicht einfach nur eine schlechte Phase, es war die Hölle. Ständige angst und eine Panik, die einem buchstäblich die kehle zuschnürt, dass irgendwas passiert. Mehrere krankenhausbesuche wegen Panik Attacken, die sich im Endeffekt als nichts von dem rausgestellt haben, was ich dachte, dass es ist. Aber in meinem kopf war es real. Ein extrem hoher puls, der jedes verdammte mal ohne vorwarnung durch die decke schoss. Die blanke angst und die zermürbenden Zweifel, dass wieder genau das passiert, was an diesem 23.3. passierte. Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Countdown. Ich hatte unfassbare angst bei jeder einzelnen Zigarette, die ich mir unnötigerweise angezündet habe – und trotzdem habe ich daran gezogen.
Mittlerweile weiß ich, was da mit mir passierte. Ich weiß, dass ich schwere Panikattacken hatte. Dass das alles durch meinen Schlaganfall ausgelöst wurde. Das ist nicht einfach nur eine „Kopfsache“ oder mangelnde Disziplin – es ist ein teil meines defekten Hirnareals. Genau der teil, der für die Impuls-Kontrolle da ist. Das alles ist in meinem Kopf kaputt gegangen. Es ist, als würde man ein Auto fahren, bei dem jemand die bremsseile durchschnitten hat. Ich hatte eine psychologisch nachgewiesene Anpassungsschwierigkeit. Ich bin einfach nicht mit meinem neuen dasein zurechtgekommen. Mit den neuen, schweren aufgaben im leben, mit der Abhängigkeit, mit den neuen umständen, mit den Tabletten, mit allem, was sich auf einen schlag für immer geändert hat.
Und dann kam der tropfen, der das fass zur explosion brachte. In einem streit wollte sie mich plötzlich nicht mehr. Sie wollte nicht mehr mit mir reden. Sie hat einfach aufgelegt. Mal wieder. Genau in der sekunde, in der ich am verletzlichsten war, in der ich extrem emotional wurde, kam nur das tote tuten aus der leitung. Die ganze psychische belastung, die sich monatelang aufgestaut hatte, war in dieser einen sekunde einfach zu viel. Viel zu viel. Ich wurde regelrecht von einer unsichtbaren wand erdrückt. Ich weiß noch genau, wie ich mich fühlte: Mein kopf hat geschrien, meine brust hat gebrannt, es war alles zu viel für mich. Ich konnte einfach nicht mehr. Die sicherung ist durchgebrannt.
Ich bin innerlich komplett zusammengebrochen. Ohne nachzudenken, ohne diese rettende impulskontrolle, die mich sonst aufgehalten hätte, habe ich alle meine Tabletten genommen. Alles, was ich feinsäuberlich für die ganze Woche hergerichtet hatte, habe ich auf einmal eingeworfen. Ich wollte sterben. Nicht direkt, aber ich wollte nur, dass dieses unerträgliche Gefühl, das ich in mir hatte, endlich weggeht. Ich wollte, dass die Welt einfach für einen Moment anhält. Diese verdammten schmerzen, die emotional so laut und gewaltig da waren, dass ich kaum atmen konnte – alles musste weg.
Sofort.
Egal wie.
Ich habe mich per nachricht verabschiedet. Ich habe ihr ein bild von den Tabletten gesendet.
Und dann habe ich gewartet. Gewartet, bis die chemie wirkt. Gewartet, bis einfach alles aufhört.
Ich hab plötzlich bilder vor mir gesehen. Mein ganzes leben zog an mir vorbei, alles was war, die guten seiten, unsere unbeschwerten momente. Und anstatt dass es friedlich wurde, wurde es immer bedrückender. Sie hat in der zeit ständig angerufen. Ununterbrochen. Das handy vibrierte und leuchtete auf, sie wollte verzweifelt wissen, warum ich das tue. Ich konnte es ihr in dem moment nicht beantworten, ich brachte kein wort raus. Ich wollte doch nur, dass der lärm aufhört. Und gleichzeitig brach diese wucht von schuld über mich herein. Ich fühlte mich plötzlich so unendlich schuldig, weil ich wusste, was ich ihr in diesem moment antue.
Sie rief die rettung.
Es war eine frage von Minuten. 3 Minuten bevor die Rettung da war, bevor es zu spät gewesen wäre, kam ein glasklarer Moment durch den Nebel in meinem kopf. Ich denke ein reiner Überlebensinstinkt. Ich habe alles wieder erbrochen. Als die Samariter dann durch die Tür kamen, schaltete ich komplett in den „Panik-Modus“. Ich habe versucht, alles runterzuspielen. Dass es ja gar nicht so war. Dass es nur ein blöder, Makaberer Gag war. Dass sie mich völlig falsch verstanden hat und alles übertrieben ist. Aber ich hab mich verraten. Ich hab mich beim reden ständig versprochen, habe wieder und wieder die Story abgeändert, mich in Widersprüche verstrickt, sodass es für die Profis natürlich völlig unglaubwürdig wurde. Ich wurde unmissverständlich gebeten, ins Krankenhaus auf die Psychologische Abteilung mitzukommen. Die ansage war eiskalt und glasklar: Wenn ich nicht freiwillig mitkomme, werde ich polizeilich mitgenommen.
Zwangseinweisung.
Ich hatte immer mehr angst. Ich war wie in die ecke gedrängt.
Als der Samariter dann noch mein Handy durchsuchen wollte, um zu sehen was ich geschrieben habe, habe ich es strikt und panisch verneint.
Mein Handy, meine grenze.
Also landete ich „freiwillig“ auf der Psychologischen Akutambulanz der Klinik Donaustadt. Ein absolut beschissenes, entwürdigendes gefühl. Ich saß da in dieser sterilen umgebung und habe mit psychologen geredet, während ich eine dicke nadel im arm hatte, um mit infusionen schnell alles aus meinem körper zu spülen. Es war ja noch völlig unbekannt, wie hoch die dosis in mir wirklich ist und was gleich passieren würde. Nach endlosen Blutabnahmen, warten und unzähligen, bohrenden gesprächen und Heulkrämpfen dank überlastung, wurde dann irgendwann festgestellt, dass ich Gott sei dank noch keine toxisch überhöhte Dosis im Blut hatte.
Das erbrechen hatte mich anscheinend gerettet.
Ich wurde nach extrem eindringlichen, schweren Gesprächen entlassen – allerdings mit der strikten Auflage, sofort am nächsten morgen zu einer bestimmten Psychologin in meiner nähe zu gehen. Den Namen und den Termin habe ich vorgeschrieben bekommen. Ich war da. Ich habe funktioniert. Ich hatte am ende knappe 30 Stunden engmaschige Betreuung nachzuweisen und wurde dann nach all den Gesprächen und Therapiemaßnahmen wieder in die „freie Welt“ entlassen.
Nun sitze ich wieder da.
Die Welt dreht sich draußen weiter, als wäre nichts passiert.
Und ich muss, nach dem nächsten Streit, meine Probleme wieder komplett alleine bewältigen. Ohne Unterstützung, ohne jemanden, der mich hält, wenn die Impulse wieder aussetzen. Einfach nur eine massive, erdrückende Überlastung.
Aber es ist nicht mehr dieselbe Überlastung, die ich damals vor dem Krankenhaus hatte.
Es ist dunkler.
Tiefer.
Wieder müssen wir streiten, wieder finden wir keinen weg.
Man schaut in den Himmel und sucht, aber da ist einfach kein Silberstreif am Horizont.