Nachwehen – Kapitel 1

Als ich im Krankenhaus war wegen dem Schlaganfall, kann ich mir heute nur ausmalen, welche Gedanken sie eigentlich hatte. Ich versuche mich in sie reinzuversetzen. Ich wäre komplett fertig mit der Welt, wenn SIE im Krankenhaus wäre und ich in ihrer haut stecken würde. Ich würde mir ständig Vorhaltungen machen, wie nah sie am ende war und ich habe es nciht gesehen. Ich würde mich im Krankenhaus unter ihrem Bett verstecken, damit ich alles mitkriege, denn zuhause würd ich sowieso nicht schlafen können.

Ich weiß, dass sie sich unfassbare sorgen machte. Ich weiß, dass sie ihr Handy die ganze zeit über auf laut hatte. Den ganzen tag war sie erreichbar, jedes mal wenn ich schrieb, kam sofort eine Nachricht zurück. Sie war rund um die Uhr für mich da. Ich wäre vermutlich jeden einzelnen tag bei ihr im Krankenhaus gewesen, auch wenn es nur 10 Minuten pro tag gewesen sein würden, da die Besuchszeiten auf der Stroke Unit echt extrem streng waren.

Sie hat mir in dieser Zeit gezeigt, wie wichtig ich bin und wie sehr sie mich liebt. Wie sehr sie will, dass ich wieder auf die beine komme und wieder nach hause komme. Sie hat mir täglich über die Krankenhaus-Post Briefe geschickt. Briefe, die ich heute immer noch lese, nur um wieder zu sehen, wie sehr sie mich damals geliebt hat und hoffentlich immer noch liebt.

Aber ich weiß auch, dass ich anstrengend war, als ich wieder heim gekommen bin. Dass alles einfach nicht mehr so war, wie es davor gewesen ist. Sie sagte es auch indirekt, dass sie sich hilflos und ohnmächtig gefühlt hat. Und das kann ich heute komplett nachvollziehen. Sie sagte mir auch, dass sie sich bei vielen Themen extrem gebremst hat, damit ich nicht nen höheren stress Pegel in mir habe als nötig.

Das Problem ist nur: Man merkt vielleicht in einem Satz, dass sie sich bremst. Aber man wird in dem Moment einfach nur sauer, weil sie sich bremst. Weil man plötzlich anders behandelt wird als nötig. Weil man sich selbst gar nicht als so fertig und krank ansieht, wie man eigentlich ist. Und es macht einen halt einfach nur wütend, nicht mehr ganz normal behandelt zu werden wie davor. Ich mein, mittlerweile verstehe ich es. Damals habe ich es absolut nicht verstanden.

Die Anfangszeit, wieder zuhause zu sein, war schwierig. Sie hat unglaubliche angst gehabt, mich alleine zu lassen und in der Arbeit zu sein, da sie ja nicht mitbekommt, wenn etwas sein sollte. Das hat man damals in jedem Moment gemerkt.

Dazu kam, dass ich in der zeit danach viele male plötzlich herzrasen bekommen habe. Ich habe dann immer wieder panisch Blutdruck und Sauerstoff Sättigung gemessen. Das hat sie natürlich auch nicht kalt gelassen. Das hat man an den vielen Streicheleinheiten und Zärtlichkeiten gesehen, die sie mir in diesen Momenten entgegen gebracht hat, um mich zu beruhigen. Einmal ist mir nachts der Blutdruck komplett entglitten. Wir mussten wegen einer Panik Attacke und einem puls und Blutdruck von 200 zu irgendwas mitten in der Nacht den Krankenwagen rufen. Es war einfach die pure angst.

Und das alles wieder und wieder, ohne Änderung in Sicht, ich verstehe sie ja irgendwie, wäre mir nicht anders gegangen.