Aus dem Archiv: Wie alles begann

Manchmal wühlt man in alten digitalen Kisten und findet dinge, die einem regelrecht den Atem rauben. Ich habe heute meinen 2. Eintrag aus meinem alten Blog wiedergefunden. Wenn ich diese Zeilen heute lese, mit allem, was in der letzten zeit passiert ist – dem Schlaganfall, der zerschmetterten Vase, der völligen Ungewissheit zwischen uns –, dann trifft mich das wie ein schlag in die Magengrube.

Es erinnert mich brutal daran, auf was für einem massiven Fundament wir eigentlich stehen bzw. standen, oder so irgendwie. Daran, wer diese frau für mich ist und immer war. Lange bevor wir überhaupt ein paar waren. Ich lasse diesen Text aus der Vergangenheit genau so stehen, wie ich ihn damals geschrieben habe. Komplett unverändert. Weil jedes einzelne Wort davon noch immer wahr ist.

Zweiter Eintrag – Wie alles begann

Manchmal verändern Begegnungen alles – ohne dass man es merkt.
Vor dreizehn Jahren traf ich sie zum ersten Mal. Sie war die Freundin eines Bekannten, mit dem ich Musik machte.
Ich konnte sie nicht leiden.
Unsympathisch, aufbrausend, respektlos.
Jeder sagte mir, sie sei oberflächlich, eingebildet, arrogant.

Sie war jung, gerade alt genug, um alleine auszugehen, und trotzdem schon furchtlos, bereit, jedem aufs Maul zu hauen, wenn es sein musste.
Sie war wunderschön, aber zugleich suspekt – jemand, den man nicht einfach einschätzen konnte. Mit der Zeit sah ich mehr. Sie wurde öfter zu mir mitgenommen, bei Treffen, Veranstaltungen, Musikproben, Aufnahmen – Momente, die zunächst beiläufig schienen, aber nach und nach ihre eigene Bedeutung bekamen.

Ich merkte, dass sie in Beziehungen die Hosen anhatte, dass sie wusste, was sie wollte. Ihr Freund tat, als hätte er alles im Griff, doch in Wahrheit war sie die Stärkere, die Bestimmende, die seine Kronjuwelen in der Vitrine zuhause hängen hatte und ihnen beim Baumeln zusehen konnte.
Vielleicht war das auch immer unser Problem, denn sowas ließ ich nicht zu und wollte immer auf Augenhöhe kommunizieren, aber dazu später mal – Wir lernten uns immer besser kennen.

Kleine Gespräche, gemeinsames Lachen, lange Nachrichten, täglicher Austausch, auch während ihrer Berufsschule.
Wir entdeckten Gemeinsamkeiten, wie unsere Sprache, und nach und nach wurden wir Freunde, echte Freunde.
Sie war jemand, auf den man zählen konnte – wie damals, als sie die Erste war, die ins Krankenhaus eilte, als mein erstes Kind kam.
Sie hielt meinen Sohn im Arm, lange und weit vor allen anderen aus der Familie, und bis heute, denke ich, sind sie durch diese Nähe verbunden.

Mittlerweile ist der kleine Sohnemann aber schon ganz schön groß, er ist „halb zwölf“, wie er mal sagte – und wir lachten noch immer über diesen kleinen Versprecher.
Erst nach vielen Jahren, als sich unsere Freundschaft gefestigt hatte, begann sich etwas Subtiles zwischen uns zu entwickeln – ein Ziehen, ein Anziehen, das man nicht leugnen konnte.

Zehn Jahre später, etwa Dezember 2024, war es spürbar, ohne dass es plötzlich über Nacht passiert wäre.
Ohne dass wir es wollten.
Wir hatten uns so vertraut gemacht, dass jede Begegnung, jeder Gedanke aneinander intensiver wurde, ohne dass wir es wirklich einordneten.

Die Umarmungen wurden länger, die Distanz, beim Nebeneinanderstehen oder Sitzen, spürbar kleiner.

Und irgendwo in all diesen Jahren davor erkannte ich, dass sie etwas Besonderes ist.

Heute, zwölf Jahre nach seiner Geburt, bewundert mein Sohn sie für ihre Fähigkeit, so viele Sprachen zu sprechen – ein Detail, das ihm erst kürzlich wieder bewusst wurde. Und all das begann mit einer Begegnung, die ich nie für möglich gehalten hätte: unsympathisch, furchtlos, unglaublich lebendig – und doch der Beginn eines kleinen Universums, das ich nicht verlieren wollte.
Doch das ist eine andere Geschichte…

ps: ich liebe dich noch immer
pps: ich vermisse dich

Wenn ich das heute lese, wird mir eines wieder extrem schmerzhaft bewusst: Wir haben nicht einfach nur vor ein paar Monaten gematcht auf einer Singleplattform und uns zufällig in einer Beziehung wiedergefunden. Da ist so unfassbar viel gemeinsame Geschichte zwischen uns. Über ein Jahrzehnt an Erinnerungen. Sie war nicht nur die frau, die mich nach meinem Schlaganfall ins Krankenhaus gefahren hat – sie war schon da, als mein Sohn auf die Welt kam.

Und es fehlen so viele Geschichten, wie das erste mal gemeinsam fortgehen, ihr Geburtstag bei dem ich einfach aufgetaucht bin, unsere Hände die sich versehentlich berührt haben zu Weihnachten – weswegen ich sie Wochen nicht aus dem Kopf bekommen habe, unser erstes mal, das machen unseres Motorrad scheins, das erste mal an meinen Lieblingsplätzen, das ewige Telefonieren und freuen auf die Rauchpausen … so viele Geschichten mehr, aber das kommt noch, alles mit der Zeit.

Vielleicht ist genau das alles aber der Grund, warum es jetzt alles so extrem wehtut. Weil der fall aus dieser höhe, von dieser unfassbar tiefen Freundschaft und liebe, einfach jeden einzelnen Knochen bricht, wenn man unten aufschlägt.
Aber diese beiden Sätze ganz am Schluss von damals… das p.s. und das p.p.s. … die gelten auch heute noch. Trotz allem, was gesagt wurde. Trotz der ganzen Ungewissheit.

PPS: ich liebe dich immer noch