Der Schlaganfall

Ich bin 36 Jahre alt. Mit einem Schlaganfall rechnet in dem Alter ehrlich gesagt nun wirklich niemand, auch ich nicht. Ok, mein Lebensstil ist in der Vergangenheit nicht ganz so berauschend gewesen, aber so schlecht wie bei anderen, die ich kenne und die keinen Schlaganfall hatten, ist er nun auch wieder nicht. Am 23.3. war es dann soweit. Ich hatte einen Schlaganfall. Genau genommen eine TIA, einen Vorboten für einen heftigen Schlaganfall, laut Arzt. Einen Vorboten für etwas, das mich vermutlich in der darauffolgenden Nacht getötet hätte.

Ich war zu der zeit alleine. Also nicht ganz, aber irgendwie halt schon.

Aber mal von vorne. Der 23.3. fing an wie jeder tag. Gemeinsam aufstehen, mit ihr, den kindern, alles durchziehen wie jeden morgen. Zähne putzen, Kinder für Schule und Kindergarten fertig machen. Kaffee, Frühstück, und dann brachte sie die Kids an die erwähnten Orte. Als sie wieder heimkam, haben wir gemeinsam gerätselt, was sie anziehen soll. Es war ein großer Tag für sie, denn das war ihr Scheidungstag. Der Tag, der sowohl von ihr als auch von mir herbeigesehnt wurde – denn wer will schon, dass seine eigene Freundin auf dem Papier eigentlich noch mit einem Kerl verheiratet ist, der so nicht mehr in ihrem Leben ist, wie ich es bin?

Naja, wir haben uns was zum Anziehen für sie ausgesucht. An vieles von dem Tag erinnere ich mich nciht mehr, vieles weiß ich nur noch dank Bildern und dank Erzählungen von ihr. Soweit ich weiß, hat sie zwei Sachen rausgesucht. Ich bin mir aber nicht mehr sicher genug, um das zu beschwören, ich komm noch drauf zurück wieso, mir fehlt halt echt viel von diesem Tag. Soweit ich weiß, wollte sie etwas Bestimmtes anziehen, wofür wir uns dann auch entschieden haben, aber dazu hatte sie nicht die passenden Schuhe und „Söckchen“ oder Strümpfe, weiß ich nicht mehr genau.

Also haben wir entschieden, dass wir noch schnell Schuhe kaufen gehen, vor ihrem Termin beim Bezirksgericht. Nicht lange gefackelt, und wir sind losgefahren. Sie und ich. Am weg zum Deichmann. Beim Deichmann hat sie Gott sei Dank die richtigen Schuhe gefunden und sie mitgenommen. Ich weiß noch, dass ich es unbedingt zahlen wollte, weil es ihr großer tag war und sie von mir dafür ein kleines Geschenk bekommen sollte. =)

Und jetzt kommts, warum ich denke, dass sie zwei Outfits dabei hatte, falls sie die richtigen Schuhe nicht finden sollte: Ich erinnere mich dunkel daran, dass ich mich irgendwo mit dem Auto an den Straßenrand gestellt habe und sie sich im Auto umgezogen hat. Ich weiß, dass ich diese Erinnerung habe. Aber ich weiß nciht, ob es an dem Tag war, oder an einem anderen, oder ob das in der Form gar nicht passiert ist. Ich weiß nur, dass ich es wahnsinnig genieße, wenn sie sich neben oder vor mir umzieht. Ich liebe den Anblick dieser Frau einfach.
Egal, weiter im Kontext.

Wir sind dann weitergefahren, haben noch einen Halt gemacht bei einem anderen Termin von ihr und sind dann weiter zum Bezirksgericht zu ihrer Scheidung. Da ich kein Arsch bin, habe ich draußen auf einem straßenseitigen Parkplatz im Auto auf sie gewartet. Immerhin muss ich ja ihren Ex nicht absichtlich weh tun, auch wenns so schon weh tun dürfte jedesmal. aber dazu später mehr.
Wir haben uns vorher noch heiß und innig verabschiedet, bevor sie gegangen ist. Und da wir verliebt wie immer sind und waren, hat uns eine Frau, die gerade vorbeigegangen ist, blöd angeredet und gefragt, ob wir uns nicht ein Zimmer nehmen können, so wie wir da aufeinander „rumgeilen“.
War witzig. Ich sagte noch zu meiner Freundin, dass wir eigentlich antworten hätten sollen, dass sie ja ee nur meine Schwester ist und ein Zimmer unangebracht wäre.
Fand ich witzig, fand sie witzig, soweit ich noch weiß. An das erinnere ich mich noch lebhaft. (Ich hoffe, das ist keine falsche Erinnerung).

Nun ja, dann ging sie los und verschwand im Gerichtsgebäude. Eine Zeit verging. Und mit mir ging es plötzlich rapide bergab.

Mir ging es auf einmal gar nicht gut, es wurde mir echt schummrig. Das weiß ich aber auch nur noch, weil ich es im Nachhinein in meiner Jungsgruppe in Whatsapp nachgelesen habe. Ich habe noch das Auto aufgeräumt, als es anfing. Mir wurde schwindlig und mich haben meine Knie verlassen. Ich bin einfach zamgesackt wie ein nasser Sack Kartoffeln. Ich habe entschieden, ich brauche was zum Trinken, das meinen Kreislauf wieder in Schwung bringt, da ich dachte, mein Flüssigkeitshaushalt ist zamgebrochen und ich bin einfach nur nervös.
Ja, ich war nervös!
Meine Freundin war da drinnen in einem Gebäude und ich konnte ihr nciht zur Seite stehen, wie ich es sonst normalerweise tun würde. Also ging ich zu der Trafik, die hinter mir war, und kaufte mir ein Red Bull.

Aber es wurde nciht besser. Ich dachte, ich gehe zurück zum Auto und rauche mal eine, damit ich mich beruhigen kann. Vielleicht ist mir ja einfach alles nur zu viel. Mir fiel die Zigarette vor dem Auto aus der Hand. Beim Versuch sie aufzuheben, habe ich plötzlich nichts mehr gesehen und mein RedBull aus der anderen Hand fallen lassen. Ich habe versucht mich zamzureißen und beides aufzuheben. Ich schaffte es nicht. Bei der Zigarette konnte ich nicht mehr gezielt danach greifen, sie war zu klein, ich fühlte mich als wäre ich 10 Meter groß. Ich habe mehrmals danebengegriffen, bis es mir zu blöd wurde und ich versehentlich drauf gestiegen bin.
Ich setzte mich ins Auto und habe versucht runterzukommen. Musik an, trinken und rauchen.
Mir fiel erneut die Zigarette einfach aus dem Mundwinkel, ins Auto, zum Glück ist nichts passiert. Beim Trinken habe ich gesabbert, ich konnte es nicht in mir behalten und ich konnte nicht mehr richtig schlucken.

Ich bekam irgendwie immer mehr Angst in mir um ehrlich zu sein.

So geistig abwesend wie ich in dem Moment war, weiß ich noch, dass ich mit dem Auto ein Stück vorgefahren bin. Ich habe direkt beim Gerichtseingang geparkt, damit meine Freundin schneller bei mir sein kann, wenn sie rauskommt. Und ich schrieb ihr noch eine Nachricht, dass es mir nicht gut geht und sie zurück fahren muss. Sie reagierte sofort und schrieb, ich soll das Fenster aufmachen im Auto und tief durchatmen, weil ich ihr schrieb, dass ich vermutlich einfach zu viel geraucht habe.
Die Nachrichten wurden von ihr SOFORT beantwortet, obwohl sie gerade drinnen im Bezirksgericht war.

Als sie zu mir kam, meinte sie besorgt, ich lalle. Ich dachte immer noch, ich habe einfach nur einen schweren Schwächeanfall. Das „Lustige“ (wenn man das so nennen kann) an dem Tag? Hätte ich meinen eigenen Termin an dem Tag nicht verschoben bekommen, und hätte nicht bei ihr sein können, hätte ich das vermutlich nicht überlebt. Ich wäre am Weg nach Wien gewesen. Alleine im Auto, mit einem Schlaganfall auf der Autobahn, mit 130 km/h mindestens.

Das wäre definitiv mein Tod gewesen.

Zurück zum Thema. Sie wollte mich sofort ins Krankenhaus bringen, sie hat regelrecht darauf gepocht. Ich wollte das nicht. Ich wollte nur nach Hause, ich wollte wieder die Kids sehen, kein Krankenhaus. Von denen hatte ich schon zu viele in meinem Leben. Ich habe zuhause dann erbrochen und mich zum Schlafen hingelegt. Beides hatte nicht die typischen, klaren Anzeichen eines Schlaganfalls. Mein Gesicht war nicht gelähmt, ich habe sprechen und atmen können ohne gröbere Probleme.

Bis gegen Abend hin. Da hat mir mein Kopf auf eine Form wehgetan, die ich so nicht kannte, und diesmal bat ich sie mich, ins Krankenhaus zu fahren. Sie hat es nicht klein geredet. Sie hat uns alle eingepackt und mich ins Krankenhaus gefahren. Dort angekommen wurde genau das festgestellt, was ich hier niederschreibe. Ein Schlaganfall-Vorbote, der knallhart angekündigt hat, mich am Abend umzubringen, sollte ich schlafen gehen. Ich wurde sofort nach Wien überstellt auf die Stroke Unit bei den Barmherzigen Brüdern – die besten für sowas – und dort bangte man um mich.

Ich weiß bis heute nicht genau, wies ihr mit dem ganzen eigentlich ging. Ich weiß, sie hatte furchtbare Angst, ich weiß, sie hatte schlaflose Nächte. Während ich im Krankenhaus war. Ich weiß, sie hielt sich im Nachhinein vor, nicht sofort etwas getan zu haben.
Aber sie hat was getan!
Sie hat sehr viel getan. Sie hat meine damalige Meinung respektiert, sie hat getan, was ich sie gebeten habe: mich erst mal nicht ins Krankenhaus zu bringen. Und als ich es abends dann anders verspürt habe, war sie ohne mit der Wimper zu zucken da und hat mich ins Krankenhaus gefahren.
Genau das, was ich wollte und brauchte. Es ist extrem unfair ihr selbst gegenüber, sich das heute vorzuhalten, denn dafür kann sie nun wirklich nix, ich hätte auch nicht anders reagiert bei ihr, denn was wir jetzt wissen, ein schlaganfall vergeht nicht, eine TIA schon. das weiß doch davor keiner, ich habe noch nie was von einer TIA davor gehört.

Habe ich es ihr im letzten großen Streit um die Ohren gehauen? JA.
War es fair von mir? Nein.
War ich ein Arschloch? Ja.

Sie hat so viele unfassbar verletzende Sachen zu mir im Streit gesagt, dass ich einfach nur blind zurück ausholen wollte und sie ebenso verletzen wollte, wie sie es bei mir tat. Ich wusste genau, wo ihr wunder Punkt lag.
Es ist nicht fair von mir gewesen.
Es ist nicht wahr gewesen.
Und ich entschuldige mich vielmals dafür.
Gesagtes kann man nicht mehr zurücknehmen, es wird nicht ungeschehen. Aber man kann einsehen, dass es nicht richtig war, und es ehrlich meinen.

Es tut mir leid. Sehr.

Ich bin nicht fair in Streits. Genauso wenig wie sie.

Ich hätte das genauso wenig sagen dürfen, wie es Sachen gab, die sie nicht hätte sagen dürfen. Aber trotzdem stehen wir jetzt hier, und ich meine es aufrichtig.
Denn Fehler muss man verdammt nochmal auch eingestehen können.

PS: ich liebe dich noch immer..

Korrektur und Ergänzung:
Es waren keine 2 Outfits, sie musste sich im Auto ausziehen, weil sie einen Jumpsuit anhatte. Um die Strumpfhose auszuziehen und von schwarz auf die neue gekauften Hellbraune Strumpfhosen zu wechseln musste der Jumpsuit halt weg.
Die Dame die uns angesprochen hat, war keine Dame, sondern, naja schon, aber ne alte Dame, die meinte nur, dass liebe schön sein muss und wir haben gleichzeitig am Auto lehnend und schmusend und langgezogen zu ihr „Entschuldigung“ gesagt.