Doppeluhrzeiten

16:16 17:17 20:20 00:00

Den ganzen Tag begleiten mich solche Uhrzeiten wie 12:12 oder 13:13 usw. Liegt vielleicht daran, dass ich wie blöde aufs Handy schaue und warte, ob eine Nachricht von ihr endlich eintrudelt, in der sie mir die Antwort gibt, ob sie das mit uns will oder nicht. Oder in der sie einfach mal schreibt, dass sie an mich denkt. Aber denkste. Seit Samstag Abend immer noch nicht, auch wenn ich es nciht fair finde, da man nicht weiß, wo man steht.

Ich verstehe auch nicht, wieso. Wenn nein, dann sind wir sowieso schon getrennt, getrennter kann man nciht sein. Wenn ja, warum sagt man es dann nicht, demjenigen, den es offensichtlich belastet? Beides ist vollkommen legitim und okay. Sag es doch einfach. Ich habe ihr gesagt, dass ich die Wahrheit aushalte. Dann habe ich zwar meinen Schmerz, aber ich kann zumindest anfangen, die Trümmer wegzuräumen, statt sie wie bisher aufzuheben und zu kleben. Aber dieses Schweigen? Dieses in der Luft hängen lassen? Wenn ich sie anrufe, geht sie wieder ran, aber sie ruft nicht an, nicht einmal. Das ist, als würde man ertrinken, und jemand hält einem einen halben Meter über dem Wasser die Rettungsweste hin, nur um sie dann wortlos wieder wegzuziehen. Bescheuerte Analogie ich weiß, was soll ich den sonst vergleichen?

Naja, aber stattdessen starre ich auf diese Zahlen. Diese Doppeluhrzeiten gab es immer schon zwischen uns, das hat eine Bedeutung aus dem ungarischen. Es bedeutet, dass jemand in diesem Moment ganz fest an einen denkt. Wir haben uns das früher oft geschickt. Es war unser kleines Ding. Sogar E und L haben das bereits übernommen und haben sich immer gefreut, wenn sie zufällig so eine Uhrzeit auf dem Display erwischt haben. Am Backofen, am Tablet, am Handy, einfach überall.

Früher war das ein wunderschönes Zeichen von Verbundenheit. Heute ist es einfach nur die reinste Folter. Jedes Mal, wenn ich 14:14 oder 15:15 auf dem Bildschirm sehe, zuckt mein Herz kurz zusammen. Nicht etwa, weil ich in dem Moment wirklich glaube, dass sie gerade liebevoll an mich denkt. Sondern weil das Display aufleuchtet, mein Blick panisch hinwandert und es wieder nciht ihre Nachricht ist. Keine Antwort. Keine Klarheit. Es ist einfach nur die verdammte Uhrzeit, die mich auslacht.

Es ist wie ein gnadenloser Wecker, der jede verdammte Stunde klingelt und mich daran erinnert: Hey, wieder eine Stunde vergangen. Wieder 60 Minuten, in denen du ihr nicht wichtig genug warst, um dir wenigstens mit einer kurzen Nachricht Frieden zu geben.

Das Schlimmste daran ist eigentlich die verdammte Stille um mich herum. Die Kinder sind selbstverständlich nciht bei mir. E und F sind bei ihr, und von ihnen höre und sehe ich logischerweise auch nichts mehr. Mein Sohn L ist bei seiner leiblichen Mutter. Wir sind alle komplett verstreut. Wenn ich jetzt diese Doppeluhrzeiten sehe, erinnere ich mich unweigerlich daran, wie die Kinder früher in ihrer unschuldigen Welt gerufen haben: „Schau, 16:16!“. Für sie war das ein Spiel, ein echtes Zeichen von Liebe. Heute hallt dieser Ruf nur noch als grausame Erinnerung in meinem Kopf nach, während ich in einer komplett leeren Wohnung sitze.

Wie kann etwas, das mal so eine schöne, familiäre Bedeutung für uns alle hatte, sich plötzlich so unendlich leer anfühlen? Ich sitze hier, starre auf die nächste Doppeluhrzeit und frage mich, ob sie in ihrem eisigen Schweigen eigentlich auch nur eine Sekunde lang an mich denkt. Oder ob 17:17, 18:18 und 19:19 für sie mittlerweile auch einfach nur noch bedeutungslose Zahlen sind, während sie für mich ein stündlicher Countdown in den Wahnsinn sind.

PPS: ich liebe dich