Mittlerweile ist Remon mein 2. Zuhause geworden. Remon ist der Besitzer einer schnuckeligen kleinen Bäckerei in meiner Straße. Ein äußerst sympathischer Ägypter mit der Weltanschauung eines modernen Menschen – kein Mensch, der alte traditionelle Werte seines Landes vertritt, sondern ein netter Mensch, mit dem man echt gut reden kann. Ein Mensch, der einem gerne zuhört. Ich nenne es dadurch schon Café Remon.
Tagsüber verbringe ich sehr, sehr viel Zeit bei ihm und kriege die getränke mittlerweile zum Einkaufspreis, teilweise sogar günstiger als beim Billa.
So zieht meine Zeit ins Land. Ich sitze da, starre ins Leere, trinke ab und zu ein Bier, schütte ein RedBull nach dem nächsten in mich rein, esse hin und wieder eine Kleinigkeit und quatsche meine Zeit tot. Ich schaue Menschen an, die vorbeigehen. Manche bewundere ich, wie schön sie sind und wie gern ich diese Menschen wäre, zumindest genauso schön. Andere verspotte ich in meinem Kopf, weil sie so viel Metall im Gesicht tragen, dass sie nicht mal mehr in die Nähe eines Kühlschrankmagneten dürfen, sonst klebt er an ihnen. Geschweige denn können die in einen Souvenirladen, das würde ja alles auf sie zufliegen mit den ganzen Magneten. Who cares? Me not!
Manchmal ist Remon gar nicht da, dann verbringe ich die Zeit mit seinem Papa. Der hatte zwei Gebäude weiter sein Geschäft, ist jetzt aber übersiedelt und mit Remon gemeinsam im selben Laden.
Kostenersparnis halt.
Sein Papa meint dauernd, mir geht es nicht gut und ich muss was ändern. Aber mir geht es gut.
Ist doch nur die situation, der ich mich anpassen muss. Und ich pass mich ja an. Ich lebe noch, ich atme noch. Auch wenn sich an manchen tagen selbst dieses Atmen einfach nur verdammt schwer und anstrengend anfühlt und ich mir oft einfach eine Pause-Taste für den kopf wünschen würde… aber das leben dreht sich halt weiter.
Warum ich nicht mit meinen Freunden darüber rede? Gute Frage, leichte Antwort: Nun ja. Der eine kriegt seine eigene Beziehung nicht in den Griff und hat selbst einen Haufen von Problemen, aber welche, die halt einfach nicht lösbar sind. Weil er sich auf seine eigene Beziehung nicht einlassen kann, aber gute Beziehungstipps geben wollen würde, wieder und wieder.
Der andere interessiert sich nur bedingt dafür, weil er emotional viel zu rational ist und ihn das ned wirklich juckt. Er meint nur: „Du wirst wissen, was du tust.„
Andere wiederum sind reine Jasager. Die kann ich am geringsten leiden.
Die sagen mir nur, was ich hören will bzw. muss, aber darauf habe ich keinen Bock. Ich brauche Kritik. Ohne kann ich mich nicht verbessern, sag mir was ich falsch mache! Dazu hatte ich mal eine beste Freundin, aber die will ja nicht mehr wirklich mit mir reden. Nur sporadisch, und wenn es Anrufe gibt, dann nur, weil sie sehen will, dass ich noch lebe. Als wäre es das einzig wichtige.
Ja, ich lebe noch!
Es wäre halt schöner, wenn man einen Anruf bekommt wie: „Ich habe den ganzen Tag an dich gedacht, ich vermisse dich“ oder dergleichen.
Sie spricht sowas nie aus, auch wenn sie sich das vielleicht denkt.
Aber ohne es auszusprechen – woher soll ich es wissen? Ich kann es mir zwar denken, weil ich sie sehr gut kenne, aber was bringt das ganze Denken, wenn man ständig Angst hat, danebenzuliegen? Weil man sie vielleicht doch nicht so gut kennt, wie man dachte, oder weil sie sich über Nacht ändert? Aussagen, die einfach sind, wie sie sind, sind schöner. Naja, egal.
Aber die Umstände sind schwer, es liegt einem ein riesiger Brocken auf der Seele. Ich hasse dieses Gefühl. Tagsüber geht es ja noch, aber nachts… Nachts, wenn dieser fiese Dämon sich zu einem ins Bett legt, ist es schlimm. Aber dafür habe ich mittlerweile eine Lösung gefunden.
Das Bett ist einfach zu groß. Wenn man auf der Couch liegt und der Fernseher an ist, traut er sich nciht zu kuscheln mit einem Monster wie mir.
So ziehen die Tage ins Land, die Nächte vergehen.
Mir geht es gut.