Familie über alles

Ich bin ein familienmensch. Einer, der alles stehen und liegen lässt, wenn es der familie nicht gut geht. Einer, der mit 160 über die Wagramerstraße brettert, weil seine schwester um halb 2 nachts anruft und am telefon heult, weil ihr freund gemein zu ihr war. Ich hab 20 min nach Deutsch-Wagram gebraucht damals. Und ich würde es immer noch tun. Egal wie verhasst meine schwester in manchen Momenten ist. Egal ob ich mal wieder mit ihr streite: Family first. Keiner greift die familie an.

Genauso bin ich zu meiner Mama nach ungarn gefahren, um 1 Uhr früh, weil sie ein neues tablet hatte und es nicht geschafft hat, es einzurichten. Danach bin ich trotzdem am nächsten morgen arbeiten gewesen. Und ich halte es keinem vor. Ich machs einfach, ich handle und ich rede nie mehr darüber.

Außer jetzt. Aber nur um zu zeigen, was ich für ein Mensch bin. Denn auch für sie habe ich immer alles liegen lassen. Für meine beste Freundin damals, für meine Lebensgefährtin vor kurzem, für meine Ex, jetzt. Sie war für mich schon immer Familie. Sie war schon immer mehr für mich, ein fester teil meines Herzens. Sie war schon immer so viel mehr als meine damaligen Freundinnen. Ich habe für sie alles stehen und liegen gelassen und bin zu ihr gefahren, wenn sie mich gebeten und gebraucht hat. Ich hab nächtelang mit meinen (damaligen) Freundinnen gestritten, nur weil ich ihr helfen wollte.

Damals, als sie zum Zahnarzt musste und mich gefragt hat, ob ich sie fahren kann, habe ich ihr gesagt, dass es super passt heute, weil ich eh frei habe. Hatte ich das? Nein. Habe ich mich unterwegs im Auto in der arbeit krankgemeldet? Womöglich.
Würde ich es wieder tun? Ohne zu zögern!

Diese Frau hat mir immer mehr bedeutet als alle anderen, warum? Weil sie immer die Reinheit in Person war. Die Ehrlichkeit pur, die absolute Verkörperung von Ausgeglichenheit. Warum hat sich das geändert? Nun, das weiß ich nciht. Das verhalten, das sie mir damals entgegen gebracht hat, ist heute nicht mehr da. Und alles was ich tue, um dieses verhalten zurückzubringen, ist unpassend und bringt wieder was anderes hervor, das ich nicht will. Es schiebt uns wieder ein stück mehr in eine andere richtung, als zurück zu damals. Obwohl ich nur zurück will, geht es nicht. Ich würde alles opfern, inklusive meinem rechten hoden, nur dass alles wieder so wird wie es war.

Klar habe ich fehler gemacht, aber sie halt auch. Kann ich vieles Gesagte ignorieren? Ja. Vieles war im streit einfach nur gesagt, es hatte keinen funken wahrheit dahinter, es war nur um weh zu tun. Zu provozieren. Sowohl von mir, als auch von ihr.
Entschuldige ich mich jedesmal für die worte, die ich gewählt habe? Ja.
Gibt sie zu, dass es von ihr unfair war? Nein.
Halte ich ihr vor was sie sagte? Nein.
Kommt es von ihr andersrum? Ja.

Sie kann nicht vergessen, was im streit war, aber erwartet es von mir. Nur damit wir wieder frieden finden, wäre doch die beste lösung, man vergiftet es nicht weiter und versucht den brand aktiv zu löschen, den Worte entfacht haben. Ich weis es sträubt sich gegen ihre Prinzipien, das verstehe ich. Aber manches sollte einem dann doch etwas wert sein, wenn man das alles doch wieder hinbekommen will. Damit unbedacht Gesagtes nicht ständig mitschwirrt und einen am Ende nur noch mehr ausbrennt.

Sie sagt dann oft, sie müsse sich nicht entschuldigen. Ihr Argument? „In dem moment war es so für mich.“ Auch wenn es de facto eine lüge war. Aber ganz ehrlich: Meiner meinung nach sollten gerade Lügen entschuldigt werden. Warum? Weil sonst genau das passiert, was uns langsam kaputt macht: Der gedanke bleibt schwer im raum stehen, dass am Ende alles nur noch eine lüge ist.

Man verliert völlig den Kompass. Man muss doch differenzieren können! Was war eine gezielte lüge aus purer wut? Was war einfach nur abgrundtief unfair? Und was tut einem im nachhinein vielleicht doch ein klein wenig leid? Wenn das wort „Entschuldigung“ schon so extrem schwer über die Lippen geht, weil der stolz im Weg ist, dann sollte man doch zumindest ansprechen können, was unfair war. Ein simples „Hey, das war drüber“ oder „das war nicht fair von mir“.
Einfach nur, um dem anderen zu zeigen, dass man nicht alles, was man im streit als Waffe benutzt hat, auch in Friedenszeiten als Wahrheit ansieht.
Wenn da nix kommt, gar nix, dann bleibt jeder einzelne giftige Pfeil stecken. Und irgendwann ist man so voller gift, dass man nciht mehr weiß, was eigentlich noch echt war zwischen uns.

Genauso wie sie sich damals entschuldigt hat bei mir, dass sie mir vorgespielt hat, dass sie mich nicht mehr liebt um mich von ihr zu drängen, genauso wünschte ich mir, dass alles angesprochen und abgehandelt wird, nicht mit einem „das habe ich gesagt, dafür entschuldige ich mich nciht“ es soll keine entschuldigung geben für etwas das gesagt wurde, sondern für die lüge dahinter, denn belogen wollen wir alle nicht werden.
Denn ein „ich liebe dich nicht mehr“ ist offensichtlich eine Lüge wenn man später sagt, dass man einen sehr wohl noch liebt!

PPS: ich liebe dich immer noch