Endlich normale Träume

​Schlaf ist für mich schon lange kein Ruhezustand mehr. Es ist eher so, als würde mein Kopf nachts auf Notstrom umschalten und Programme abspielen, die ich nie gestartet habe. Ich liege hier in Wien, schaue an die verdammte Decke und lausche in die Stille einer Wohnung, die sich einfach nicht nach Zuhause anfühlt.

​Sobald ich die Augen schließe, beginnt der Wahnsinn. Seit dem Schlaganfall, seit all dem Chaos, das unser gemeinsames System gecrasht hat, ist die Nacht ein endloser, anstrengender Trip. Ich kämpfe in meinem Kopf gegen Drachen, die in Wahrheit meine eigenen Dämonen, meine Verlustängste und meine kaputte Impulskontrolle sind. Ich falle im Schlaf von riesigen Bäumen, stürze ins Bodenlose, ohne jemals aufzuschlagen. Jede Nacht fühlt sich an, als müsste ich ohne jede Atempause ein verdammtes neues Level starten. Ständig neue Endgegner, ständige Überlastung, nur um am nächsten Morgen völlig gerädert aufzuwachen.

​Ich will das alles nicht mehr. Ich will keine absurden Kämpfe mehr ausfechten, wenn ich die Augen zumache. Ich will endlich normale Träume.

​Weißt du, was ein normaler Traum für mich wäre? Nichts Episches. Keine großen Heldenreisen. Einfach nur echte, greifbare Normalität. Ein Traum, in dem wir nebeneinander liegen. In dem ich deinen Atem spüre und deinen Kopf auf meiner Brust halte. Ein Traum, in dem F. und E. morgens durchs Haus tapsen und L. dieses unbeschreibliche Funkeln in den Augen hat, weil wir alle zusammen sind. Das war meine Normalität. Meine perfekte, wunderschöne Normalität.

​Leute, die es scheinbar gut mit mir meinen, sagen mir manchmal: „Lass los, Michi. Starte wirklich ein neues Level, komplett von null. Du wirst dich irgendwann neu verlieben.“

Aber genau da wehrt sich jede einzelne Faser in mir. Ich will mich nicht irgendwann in die Falsche verlieben, nur weil es der einfachere Weg wäre. Nur weil eine andere Frau vielleicht keine Vorgeschichte mit meiner kaputten Hardware hätte und der Neustart bequemer wäre. Du bist nicht einfach nur meine Ex-Partnerin. Du warst schon lange davor meine beste Freundin. Du bist die Liebe meines Lebens. Ich tausche dich nicht aus. Ich kämpfe lieber jeden verdammten Tag um dich – gegen jeden Drachen in meinem Kopf und jeden Widerstand in der Realität –, als diesen Platz auf meinem Podest jemals einer anderen zu geben.

​Dein Kopf auf meiner Brust war der einzige Schalter, der das Dauerrauschen in meinem System jemals wirklich stummgeschaltet hat. Wenn du da warst, gab es keine endlosen Stürze ins Nichts. Es gab nur Sicherheit.

​Ich arbeite an mir. Ich werde die Therapie durchziehen und den Code in meinem Kopf neu schreiben, bis die alte, fehlerfreie Version von mir wiederhergestellt ist. Der Mann, in den du dich damals verliebt hast. Der beste Freund, den du vermisst.

​Bis dahin liege ich hier in der Dunkelheit. Mit einem kalten, leeren Kissen neben mir. Und wünsche mir für diese Nacht nur dieses eine:

​Endlich wieder normale Träume.

Und dass ich dich darin einfach nur in meinem Arm halten darf.

​Gute Nacht.

Ps: ich liebe dich immer noch..

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