oder das klacken der Schreibmaschine
Es ist 1:43 Uhr.
Die Dunkelheit erdrückt mich nicht. Es ist die Kälte. Neben mir surrt die Klimaanlage. Wie ein unermüdlicher, Parasit aus Metal und Plastik, gesteuert von einer Intelligenz und Abläufen, die per Stromimpulsen gesteuert werden. Sie bläst mir Eises-luft direkt auf meinen Brutkorb. Auf die nackte Haut. Mein Körper kühlt aus, Grad für Grad. Wie auf einem Seziertisch. Das Absurde daran? Ich will es so. Der physische Schmerz ist das Einzige, was das ohrenbetäubende Flüstern in meinem Kopf für Sekundenbruchteile übertönt.
Um mich herum das leere Klappern von Bierdosen, die ständig angeweht werden. Silberne Zeugen meiner Schlaflosigkeit im künstlichen Luftzug.
Ein Aschenbecher, der voll ist und der zum übergehen droht, egal, dann qualmen wir uns im Bett einfach die nächste an.
Tabletten und Tablettenblister die herum wackeln im Wind, des freundlichen Parasiten, des Klimageräts.
Tabletten die ich nicht nehmen kann, da ich seit 3 Tagen nichts runter bekomme, aber sollte, das weiß ich genau.
Und dann kriecht sie wieder unter meine Schädeldecke. Diese eine, brennende Frage. Hat sie es wieder getan?
Damals schwor sie, es sei ein Fehler gewesen. Ein Ausrutscher, eine sehr dumme idee, die sich niemals wiederholen würde. Aber was, wenn sie diese Grenze erneut überschritten hat? Nur um den letzten Rest von uns auszulöschen. Verständlich. Nachvollziehbar. Um mich zu vergessen. Aber nicht in Ordnung. Ich brauche diese Antwort. Nicht, um sie zu verurteilen. Gott weiß, ich bin kein Heiliger, und das weiß er. Wir haben uns beide tiefe Wunden zugefügt. Narben die Eonen von Jahren überdauern werden. Wir haben beide Respektlosigkeiten wie Giftpfeile verschossen und haben damit auch auf den Millimeter genau getroffen. Sie ist tief in ihrem Inneren ein wunderbarer Mensch, aber wenn wir stritten, fielen die Masken, bei uns beiden.
Eine Wut kochte auf, alle verletzten gefühle kochten über. Wir mutierten beide, Buchstäblich, zu Monstern.
Nein, ich verurteile sie nicht. Ich würde sie gehen lassen.
Aber dieses verdammte Buch in meinem Kopf … es lässt sich einfach nicht schließen.
Es liegt aufgeschlagen auf dem Tisch meiner Gedanken. Die Ränder der Seiten sind zerrissen und ausgefranst. Ist das hier ein Ende mit einem grausamen Twist? Oder nur ein stiller, todbringender Schlusssatz?
Solange ich die Wahrheit nicht kenne, hämmert die Schreibmaschine in meinem Kopf weiter.
Klack. Klack. Klack.
Jeden Tag tippe ich mit zitternden Fingern dieselbe endlose Seite: „Sie hat heute wieder X-mal nicht abgehoben.„ Mehr nicht.
Zeilen voller Trauer.
Voller Reue.
Voller Demut.
Warum lässt man jemanden so in der Luft hängen? Warum lässt man mich im Dunkeln verbluten, gefangen in der panischen Angst vor dem absoluten Nichts? Vor dem Alleinsein, nur weil man selbst noch immer an einem Gefühl festhält, das vielleicht schon längst verwest ist?
Die gefühle liegen am Seziertisch und man versucht nur den ursprünglichen Tod dieser zu verstehen.
Will sie dieses Buch denn nicht auch endlich zuschlagen? Vor allem, wenn SIE schon die Antwort hat?
Wieso verdiene ich nicht diese Antwort zu haben?
Mein Display bleibt schwarz und wenn ich Anrufen würde, wäre es doch sowieso nur mein Freund auf gewisse Zeit, die Mailbox, die rangehen würde.
Wenn ihr Name dort aufleuchten würde, ich würde sofort abheben. Mit einem freundlichen „Hallo“, kein angepisstes ich, nur ich.
Vor dem zweiten Klingeln wäre ich dran.
Ich habe sie umgespeichert. Édesem. Mein Liebling.
Das stand da früher.
Aber das passte nicht mehr zu den Dämonen, die wir entfesselt haben. Jetzt steht da nur noch ihr bürgerlicher Name. Kalt. Nüchtern. Um nichts zu wecken, was in mir vergraben liegt.
Aber diese Stille von ihr … sie ist eine Waffe. Sie erträgt hunderte meiner Anrufe. Die stummen wiederkehrenden Anrufe, das aufblitzen ihres eigenen Displays. Sie nimmt das endlose Vibrieren lieber in Kauf, als mir den einen, erlösenden Satz zu sagen. Den Abschluss, der uns beide befreien würde.
Das schmerzt nicht nur. Es zerfrisst mich.
Die Kälte ist jetzt überall. In meinen Knochen und ebenso in meinem Kopf angelangt.
Mittlerweile ist es 2:00 Uhr. Ich tippe diese Zeilen nun schon eine ganze Weile vor mich hin. Es wird Zeit, das hier abzuschicken und zumindest zu versuchen, die Augen zuzumachen und mir selbst vorzuspielen, dass ich schlafen kann.
Bevor die Stille mich endgültig verschluckt.
PPS: irgendwie liebe ich dich dann ja doch noch..