Warum ich zuhause bleibe

Nun, ganz einfach erklärt: Ich will momentan eigentlich niemanden sehen. Mir reicht der kontakt zu bestimmten Leuten aus der ferne mit dem Handy völlig aus.

Aber das ist nur die Oberfläche. Die halbe Wahrheit. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, ist der wahre Grund, warum ich mich einigle und meine Wohnung hüte wie einen Schatz, ein ganz anderer. Meine Gedanken kreisen den ganzen tag. Sie drehen sich ununterbrochen um ihre eigene Achse, wie ein fehlerhaftes Skript, das in einem loop feststeckt und kein ende findet.

Und das zentrum dieses kreises? Meine eingangstür.

Ich sitze auf der Couch und die Gedanken fangen an zu rotieren: Was, wenn ich jetzt duschen gehe und das Wasser zu laut ist? Was, wenn ich mir Kopfhörer aufsetze und die Klingel nicht höre? Was, wenn ich den müll runterbringe und sie genau in diesen verdammten zwei Minuten vor der Tür steht und dann wieder umdreht?

Dieses Gedanken Karussell dreht sich nicht ohne Grund. Sie ist in der Vergangenheit schon zweimal unangekündigt bei mir aufgetaucht und hat mich überrascht. Beim letzten mal war ich wirklich nur ganz kurz draußen. Ich war bei der Tankstelle, wollte mir nur schnell was zu trinken holen. Eine absolute Kleinigkeit. Da rief sie plötzlich an und sagte, sie ist da und ich solle die Türe öffnen. Als ich ihr sagte, dass ich gerade nicht in der Wohnung bin, kippte die Stimmung. Sie wollte direkt wieder gehen. Ich stand an dieser Tankstelle und mein herz ist mir in die Hose gerutscht. Ich habe sie am Telefon regelrecht angebettelt, nicht zu gehen. Sie solle doch bitte, bitte warten, bis ich wieder da bin.

Es hat gerade mal 5 Minuten gedauert. Ich saß ja schon im Auto musste also nicht erst reinspringen, ich musste nur über die Reichsbrücke rasen. Diese 5 Minuten haben sich angefühlt wie stunden. Mit jedem meter über die brücke kreisten die Gedanken noch schneller: Ist sie noch da? Dreht sie gerade um? Fährt sie jetzt? Wenn ich jetzt an eine rote Ampel komme, verliere ich sie. Als ich ankam, war sie noch da. Aber diese Panik, dieser eiskalte schweiß auf der Stirn… das sitzt tief in mir.

Und genau deshalb verlasse ich diesen Ort kaum noch. Diese Panik will ich nie wieder spüren. Dieses erdrückende Gefühl, sie verpasst zu haben, weil ich zur falschen zeit am falschen ort war.

Mein leben ist in einen permanenten Stand-by-Modus gewechselt. Jeder schritt nach draußen wird berechnet. Wenn sie mal wieder auf die Idee kommen sollte, vorbeizukommen und mich auf ganz süß überraschen würde, dann wäre ich diesmal verdammt nochmal da. Ich würde diese Tür aufmachen, bevor sie auch nur ein zweites mal klingeln kann.

Deswegen bleibe ich hier. Das höchste der Gefühle, mein absoluter maximaler Radius: Ich bin schnell beim Billa um die ecke einkaufen, oder drüben bei Remon in der Bäckerei. Beides direkt in der Umgebung. Mehr nicht. Mein ganzes leben besteht gerade eigentlich nur noch daraus, dieser eine kreisende Satz in meinem Kopf zu sein:

Was, wenn sie gleich klopft?